Christian’s erste Woche Ramadan – Ein Vielfraß auf Umwegen

Heyyy Ramadan – du gefällst mir gerade richtig gut!!!

Vorab für alle die mich nicht kennen sollten:

Ich habe ständig Hunger, 24 Stunden am Tag, trinke dabei im Schnitt 4 Liter, kommt etwas Neues auf mich zu werde ich schnell nervös, fühle mich oftmals wie eine Duracell-Batterie und kann nicht auf der Stelle sitzen und nichts tun. Kann durchaus schlechte Laune bekommen, wenn ich Hunger habe, vor allem wenn es um einen herum meeega lecker riecht. Mir fallen auch immer mal Schimpfwörter aus dem Mund, sobald etwas nicht läuft wie gewünscht.

All das ist für mich so selbstverständlich. Hunger? Kauf ich mir halt was! Durst? Wasser reicht mir, das hab ich auch schnell besorgt. Fluchen? Ich muss doch meinen Unmut äußern! Lange Weile? Shit, da denk ich mir doch nur Dummheiten aus! Was auch immer ich brauche (oder denke zu brauchen), ich finde immer recht schnell einen Weg es zu bekommen.

So plätschern die Tage vor sich hin. Auf Reisen bekommt man immer etwas Neues zu Gesicht. Etwas, das man noch nie gesehen, getan oder gehört hat. Man ist dauernd damit beschäftigt, diese Dinge zu verarbeiten. Es bleibt wenig Zeit für das, was mir wirklich am Herzen liegt: Kontakt zur Familie und Freunden pflegen. Und für Dinge, die für einen selbstverständlich sind und für andere nicht, zu schätzen, und vor allem an sich selbst zu arbeiten.

Warum ich euch das erzähle und was das alles mit unserem „Projekt Ramadan“ zu tun hat? Das erfahrt ihr jetzt!

Unsere ersten Tage Ramadan sahen im Groben wie folgt aus:

Gegen 5 Uhr stehen wir auf, um rechtzeitig zu frühstücken, da ab ca. halb 6 das Fasten beginnt. Was das bedeutet hat euch Anni ja bereits HIER erläutert. Danach geht`s wieder ins Bettchen, bis ca. 11 oder 12 Uhr. Je nach dem in welchem Ort wir gerade sind wird tagsüber etwas unternommen (oder auch nicht), bevor es gegen 19 Uhr in eine Moschee unserer Wahl geht, um dort ca. 19:30 Uhr mit den Einheimischen das Fasten zu brechen. Das nennt sich Iftar. Danach wird gechillt, der volle Magen lässt auch nicht allzu viel zu. Manchmal machen wir Sport oder ich gehe mit den Jungs zum Futsal. Dann ist es ja schon ca. 2 oder 3 Uhr. Nach einem kurzen Nickerchen klingelt um 5 Uhr erneut der Wecker zum Frühstücken…

Nach acht Tagen Fasten und sechs verschiedenen Moscheen gab es einen Tag, den ich mit euch teilen möchte.

„Aimin (ein wunderbarer Malaye, den wir ganz doll gern gewonnen haben), in welcher Moschee hast du heute mal Bock für Iftar?“ „State Mosque, lass uns da mal hin, da war ich auch noch nie. Gegen 19 Uhr hol ich dich, danach hängen wir mit den Jungs auf `ne Shisha ab“. Abendplanung: Check. Anni kränkelt derweil und bricht das Fasten um die Ecke vom Hostel, um danach wieder Gesundheitsschlaf zu tanken.

Es ist bald 19 Uhr, schnell nochmal unter die Dusche und schick gemacht. Lange Hose und ein Shirt und das Outfit steht. Ein langes Hemd, um Tatoos zu verdecken, wird in den Rucksack gestopft, welches ich erst kurz vor der Moschee anziehe. Vorher lässt es nämlich die Außentemperatur nicht zu.

Auf dem Moped fahren es zur genannten Moschee. Schon auf dem Weg vom Parkplatz zu dem Platz, auf dem das Fasten gebrochen wird, werde ich freundlich angelächelt. Man ist stolz, dass ein Europäer den Weg in die Moschee gefunden hat, um diesen speziellen Moment zu zelebrieren. „Chris“ ist mein Name, immer wenn ich gefragt werde, um zu verhindern, dass mein richtiger Name mit dem Christentum gleichgesetzt wird.

Es ist schon soweit alles vorbereitet, Teppiche ausgerollt und einige sitzen bereits auf dem Boden, um auf das Startsignal zu warten. Wir holen uns einen Kaffee, oder Tee, und eine Schale voller Porridge (von mir liebevoll „Gräupchensuppe“ genannt), um uns dazuzugesellen. Ich sitze nun zwischen all den Gläubigen, vor mir Essen und Trinken, darf aber noch nichts davon zu mir nehmen. Auch wenn der Hunger und Durst riesig ist! Bevor es losgeht werden die Hände gefaltet und Allah gedankt, dass man heute wieder fasten durfte und dass er es erlaubt, das Fasten nun zu brechen. Das tut jeder soweit für sich selbst. In all den Gesichtern sieht man unglaubliche Freude und volle Konzentration zugleich, vor allem aber Dankbarkeit! 19:31 Uhr, auf die Sekunde genau ertönt der Ruf, der das Zeichen gibt, das Fasten brechen zu dürfen.

Als erstes wird eine Dattel gegessen, um es dem Propheten Mohammad gleichzutun. Danach wird der Porridge („Gräupchensuppe“) gegessen und getrunken was vor einem steht. Sobald man fertig geht es auf zum Gebet in das innere der Moschee.

Das ist der Punkt an dem Anni und ich draußen warten. Statt tatsächlich zu sitzen und zu warten, bis es das nächste Essen gibt, helfen wir einfach, das Geschirr abzuräumen und neue Teller vorzubereiten.

Aber halt, Anni ist diesmal nicht mit! Aimin: „Komm doch mal mit und mach einfach, was alle machen“ – wie bitte??? Ich??? In die Moschee??? Was muss ich denn da machen??? „Okay, why not?!“. Wird schon schiefgehen.

Statt also abzuräumen gehen wir uns zunächst waschen. Zuerst die Hände, dann die Unterarme. Drei mal rechts, drei mal links. Dann das Gesicht, drei mal, gefolgt von der Stirn, drei mal. Weiter geht es mit den Ohren, drei mal rechts, drei mal links. Zuletzt die Füße, drei mal rechts, drei mal links. Wir betreten die Moschee. Ich bin ziemlich aufgeregt! Sie ist riesig und eine der schönsten Moscheen, die ich seit unserer Reise von innen gesehen habe. Toll verziert und beleuchtet. Wir reihen uns zu den Leuten, die bereits in exakter Linie nebeneinander stehen. Frauen natürlich im abgetrennten Bereich. Dann geht es los. Eine Stimme ertönt, welche singend Zeilen aus dem Quran vorliest. Ich kann nicht beschreiben, was ich gerade denke, geschweige denn fühle. Ich bin Teil einer riesigen Gemeinschaft. Ich weiß nicht was jetzt passiert, dennoch fühle ich mich wohl, aufgenommen, akzeptiert und integriert. Ich ernte keine skeptischen Blicke. Ich beobachte exakt, was getan wird und tue dem gleich. Ich verstehe natürlich kein Wort und bin sehr nervös, da ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Völlig verrückte Situation! Ich war irgendwie in einer anderen Welt. Gänsehautmoment. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, obwohl das Ganze vielleicht ca. 5-10 min dauerte…

Als wir nun fertig sind schütteln wir unseren Nachbarn noch die Hand. Einige sitzen noch ein wenig und beten eigenständig weiter. Wissensdurstig wie ich bin bleibe ich mit Aimin noch sitzen und lasse mir genauestens erklären, was wann wie wo vorgelesen wurde. Wie in Trance beginne ich zu verarbeiten was gerade passiert ist.

Wir gehen zurück zu dem Platz, an dem das Fasten gebrochen wurde. Wir stellen uns in die Reihe und lassen uns Reis, Fleisch und Gemüse geben und hauen uns den Bauch so richtig voll! Gut genährt fahren wir zu unseren Freunden zum Shisha rauchen…….

Ich erfahre nun täglich mehr, was es heißt zu fasten, lerne immer mehr dazu. Es bedeutet mehr als nur tagsüber ohne Essen und Trinken auszukommen, was man in Deutschland sicher mit fasten assoziiert. Ich beginne zu realisieren, dass das Essen und Trinken nicht selbstverständlich ist und bin sehr dankbar dafür. Ich merke, wozu der Körper in Stande ist, wenn er es muss, oder, wie in meinem Fall, kann. All das beginnt in dem Moment, in dem man seinen Körper, seinen Geist, seinen Energieverbrauch herunterfährt und unnötige Gedanken und Verhaltensmuster, wie beispielsweise das Fluchen, sein lässt. Man bewegt sich ruhiger und tut nur das Nötigste, um seine Energie aufzusparen. Man genießt den Moment. Man ist dankbar, dankbar dafür, dass man normalerweise essen und trinken kann, wann und was man möchte. Und bemerkt, dass das nicht jeder auf der Welt kann. Dann man sich in diesem Zustand nicht einfach hektisch bewegen kann, so wie es das Leben um uns herum tut. Man bemerkt, dass man nur ein Teil vom diesem hektischen Leben ist, das sich da draußen abspielt. Man findet zu Konzentration und inneren Ruhe…

Nun sind gerade einmal acht von 30 Tagen vergangen und ich habe bereits so viel gelernt. Und ich bin mir sicher, dass ich noch so Einiges dazulernen kann. Und, dass ich das Gelernte noch lange anwenden kann. Ich bin froh, mich für das „Projekt Ramadan“ entschieden zu haben.

Christian

7 thoughts on “Christian’s erste Woche Ramadan – Ein Vielfraß auf Umwegen

  1. Olli

    Wow. Ich hatte Gänsehaut beim Lesen der Zeilen. Danke das ihr uns an eurem Projekt teilhaben last. Anfangs war ich skeptisch in Bezug auf das Projekt Ramadan, aber es scheint das ihr genau auf diesem Weg dem Land und seinen Menschen näher kommt, als anders möglich. Gute Besserung an Anni und viele Grüße.

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