Vipassana-Retreat FACTS Sri Lanka Februar 2018

Seit über einem halben Jahr, als wir erstmalig von „Vipassana“ gehört hatten, stand es ganz weit oben auf unserer To-Do-Liste, an einem solchen Retreat teilzunehmen. Wir lernten anfangs einiges über Meditation, als wir in Thailand im Yoga House Chiang Mai arbeiteten. Meditation hat uns so sehr fasziniert, dass wir uns mit dem Thema Vipassana intensiv beschäftigten und am Liebsten direkt starten wollten. Bereits zwei Mal hatten wir uns in einem der vielen Tempel, in denen diese Technik des Meditierens gelehrt wird, registrieren lassen, damals noch in Thailand, und zwei mal hielt uns ein Krankenhausaufenthalt davon ab. Vom 10.02. bis 21.02.2018 war es nun endlich soweit, in Sri Lanka, genauer gesagt in Anuradhapura. Wir waren gespannt, neugierig, aufgeregt was uns erwarten wird. Aber vor allem: wir waren bereit!

 

Das Center

Nur wenige Bus-Minuten von der Stadt Anuradhapura entfernt liegt nun dieser heilige Ort, an dem die Kunst der Vipassana-Meditation gelehrt wird. Bereits als wir ankamen waren wir von nichts als Vogelgesang und Natur pur umgeben, weit weg von all dem Trubel der Außenwelt. Wir mussten uns zunächst registrieren lassen, danach bezogen wir unsere Zimmer und wechselten unser Outfit (dazu später mehr). Es war erst 13:00 Uhr und noch genug Zeit, bis ca. 19:00 Uhr eine kleine Einführung stattfand und das große Schweigen begann. In der Zwischenzeit hatten wir noch die Gelegenheit, uns zu unterhalten und uns mit anderen Teilnehmern auszutauschen. Letztendlich waren wir ca. 30 Männer und ca. 30 Frauen, ein guter Mix aus Reisenden und Einheimischen, manche waren Neulinge, so wie wir, manche kamen bereits das zweite oder dritte Mal.

Unsere Zimmerchen waren super einfach, und trotzdem super schön. Zunächst teilte ich mir mit einem Chinesen das Zimmer, welcher jedoch nach einem Tag auf Grund von Krankheit ein Einzelzimmer bekam und nach dem vierten Tag abreisen musste. So hatte ich mein eigenes kleines Zuhause für die restlichen 9 Tage. In Anni‘s Unterkunft hatte jede Teilnehmerin von Beginn an ein Einzelzimmer. Es gab auch keinen Strom, zumindest in der Unterkunft, sodass eine Taschenlampe essentiell war. Alle Mahlzeiten gab es in der Dining-Hall

Frauen-Unterkunft

 

Dining-Hall

Jeder hatte seinen zugewiesenen Essensplatz. Zu guter Letzt und der heiligste Ort des Centers war die Dhamma-Hall. Die Dhamma-Halle (Dhamma bedeutet im Buddhismus das von Buddha erkannte und verkündete „Daseingesetz“, wie der Geist und der Körper funktioniert. Auch das würde ziemlich weit führen, um das zu erklären). Sie ist DIE Halle, in der wir meditierten und die Technik des Vipassana gelehrt bekamen. Dort haben wir auch entsprechend die meiste Zeit verbracht. Sie war riesig, sodass alle Teilnehmer darin Platz fanden, auch hier jeder seinen eigenen, zugewiesenen Platz.

Dhamma-Hall

Der Rest der Anlage war komplett begrünt, der perfekte Ort, um abschalten zu können!

Alle Anweisungen wurden grundsätzlich in Englisch gegeben. Es bestand jedoch auch die Möglichkeit, nach einem Audio-Guide auf Deutsch zu fragen. Man bekommt dann bei jeder neuen Anweisung ein Headset, um auf Deutsch gelehrt zu werden. Das nahmen wir beide auch unabhängig voneinander in Anspruch. Unser Englisch ist zwar mittlerweile auf einem richtig guten Stand, aber wir waren so neugierig und wissbegierig, dass wir sichergehen wollten, auch 100 % zu verstehen. Es kommt ja doch mal vor, dass man das ein oder andere Wort nicht kennt. Bei mir kam noch hinzu, dass mir der Mix aus Sinhala-Akzent (Sinhala ist die Haupt-Sprache der Bevölkerung in Sri Lanka) und teilweise schlechten Lautsprecherboxen das Verstehen erschwerte.

 

Unser Zeitplan

Da es für viele Neuland ist, einen solchen Kurs zu besuchen, sollte der „Was-passiert-denn-als-nächstes-Faktor“ so gering wie möglich gehalten werden. Man ist aufgeregt und bringt ja doch das ein oder andere mal etwas durcheinander. Deshalb gab es einen vorgeschriebenen Zeitplan, an den sich jeder Teilnehmer möglichst halten sollte. Dieser sah wie folgt aus:

4:00 Uhr – 4:30 Uhr → Aufstehen und bereit machen für die erste Meditationseinheit

4:30 Uhr – 6:30 Uhr → Meditation

6:30 Uhr – 8:00 Uhr → Frühstück, im Anschluss Pause

8:00 Uhr – 9:00 Uhr → Gruppensitzung

9:00 Uhr – 11:00 Uhr → Meditation

11:00 Uhr – 13:00 Uhr → Mittag, im Anschluss Pause

13:00 Uhr – 14:30 Uhr → Meditation

14:30 Uhr – 15:30 Uhr → Gruppensitzung

15:30 Uhr – 17:00 Uhr → Meditation

17:00 Uhr – 18:00 Uhr → Tee-Pause

18:00 Uhr – 19:00 Uhr → Gruppensitzung

19:00 Uhr – 20:30 Uhr → Discourse (Lehreinheit)

20:30 Uhr – 21:00 Uhr → Meditation

21:00 Uhr – 21:30 Uhr → Zeit für Fragen, anschließend Lichter aus

Zu den „normalen“ Meditationszeiten wurde uns meist freigestellt, wo wir meditierten, egal ob in der Dhamma-Halle oder im Zimmer. Hauptsache sitzend, hauptsache meditierend. Uns wurde jedoch nahegelegt, in der Halle zu meditieren, da dort keine äußeren Einflüsse, wie Wind und Wetter, gegeben sind. Braucht man eine Pause, wenn es mal wieder im Rücken, Knie oder irgendwo zwickt, durfte man aufstehen und vor der Halle ein paar Minuten laufen. Ich habe es auch bevorzugt, in der Dhamma-Halle zu meditieren, schließlich ist der Mensch ja ein Herdentier und es hat mich unheimlich motiviert, Teil des Ganzen sein zu dürfen und zu wissen, dass um mich herum viele andere Teilnehmer ebenfalls meditierten und genauso wissbegierig waren wie ich. Außerdem war jede Meditationseinheit irgendwie anders, anders schön!

Zu den Gruppensitzungen hingegen mussten wir uns alle in der Dhamma-Halle einfinden, da zu dieser Zeit nochmals kurz zusammengefasst wurde, welchen Schritt der Meditation wir dieses mal beachten sollten. Außerdem wurde uns geraten, uns möglichst wenig zu bewegen, egal ob und welche Schmerzen oder Gedanken auftreten. Man sollte in dieser Zeit weder Füße, noch Hände bewegen, oder Augen öffnen. Und ja, das war verdammt hart! Bis Tag 4 war das recht angenehm, da man sich durchaus immer mal bewegen durfte. Danach wurden die Anweisungen strenger und dadurch der Schmerz größer. Ich möchte natürlich auch dazusagen, dass es zwar gewisse Anweisungen gab, man letztendlich für sich und seinen Erfolg selber verantwortlich ist. Hat man sich bewegen müssen, wurde man natürlich nicht gefoltert!

Das Essen war uuuunglaublich lecker! Täglich Reis & Curry in den verschiedensten Variationen, dazu immer einen süßen Snack oder Obst. Zur Tee-Pause wurden verschiedene Teesorten, Bananen und Kekse serviert. Uns wurde geraten, nur ca. ¾ der üblichen Menge zu sich zu nehmen, statt sich zu überessen (man weiß ja, dass es vor 6:30 Uhr am Folgetag keine größeren Mahlzeiten zu sich nimmt), da man mit vollem Magen schlechter meditieren kann und/oder sich der Magen an viel Essen gewöhnt und man abends schneller Hunger hat. An dieser Stelle ein Hinweis an das Center: Dann serviert verdammt nochmal nicht so tolles Essen!!! 😉

In den Pausenzeiten stand uns frei zu machen was wir wollten. Da die Möglichkeiten aufgrund der Regeln eher begrenzt waren, blieben kaum Optionen offen. Ich habe in dieser Zeit meist meinen fehlenden Schlaf nachgeholt oder immer mal Laub gekehrt, das macht sich ja auch nicht von alleine und war eine gute Abwechslung zum starren Meditieren.

Ganz wichtig waren auch die Discourse (Lehreinheiten). Zu diesen Zeiten wurden Anweisungen und Erklärungen gegeben, welcher Schritt die Lehre des Vipassana als nächstes zu beachten ist, vieles mit Beispielen untermalt, ein Rückblick auf die letzten Tage gegeben und vor allem auch motiviert. Diese 1 ½ Stunden waren nochmal Balsam wie für die Seele. Es wurde reflektiert, wertvolle Tipps gegeben und an Beispielen veranschaulicht. Dies passierte grundsätzlich in einer weiteren, kleineren Halle. Da wir beide jedoch den German-Audio-Guide hatten, durften wir uns abseits, natürlich Männchen und Weibchen räumlich getrennt voneinander, in ein kleines Zimmerchen setzen und dem Discourse per Kopfhörer lauschen. Ich habe das sehr genossen und jedem einzelnen Wort gespannt gelauscht.

 

Die Regeln

Die Regeln waren sehr strikt und mussten unbedingt eingehalten werden. Zu den wichtigsten zählen:

1. keine Kommunikation: weder sprechen, noch physischer Kontakt oder Augenkontakt waren erlaubt. Keine Musik oder singen, kein kurzes guten Morgen oder gute Nacht. Es durfte ausschließlich mit dem Lehrer oder dem Center-Management kommuniziert werden, sollten Probleme auftreten. Der Vorteil bestand darin, dass man nicht abgelenkt wurde und seine Gedanken nicht verlor. Man nimmt sich und seinen Körper viel bewusster war, denkt über jeden einzelnen Schritt nach, fühlt sich und die Natur auf eine magische Weise. Jede Bewegung, jeder Atemzug, jede Hand voll Essen wird zur Meditation.

2. weiße Kleidung: wir trugen rund um die Uhr weiße Kleidung. Das signalisiert, dass jeder gleich ist und verhinderte auch, dass man im Kopf jemanden aufgrund seiner Äußerlichkeiten bewertet. Weiss gilt hierbei als „rein“. Und man unterscheidet sich dadurch natürlich auch optisch vom Meditationslehrer. Man hatte genug Zeit zum Nachdenken, da denkt man über jedes Detail nach, welches einem über den Weg läuft.

3. Geschlechtertrennung: die Unterkünfte waren strikt nach Geschlechtern getrennt. Die Männer-Unterkünfte auf der einen Seite des Grundstückes, die Frauen auf der anderen Seite des Grundstückes. Es bestand auch keine Möglichkeit, dass man sich über den Weg läuft. In der Essenshalle wurde dies durch einen großen Vorhang getrennt. Die einzige Möglichkeit, sich zu sehen, bestand darin, dass in der Dhamma-Halle zwar auch männlich-weiblich getrennt wurde, jedoch nur räumlich ohne Sichtschutz. So kam es das ein oder andere mal vor, dass der Lehrer mich ermahnen musste, nicht rüber zu schielen.

4. keine elektronischen Geräte waren erlaubt: dazu zählen nicht nur Handys, Laptops etc., sondern auch Bücher oder das Erstellen von Notizen. Man solle nicht abgelenkt werden!

5. keine sportlichen Aktivitäten: wie bspw. Yoga. Es sollte auch möglichst das Dehnen und Strecken vermieden werden. Das wurde jedoch recht locker gesehen, man möchte seinen Körper ja nicht einrosten lassen. Der Körper solle so wahrgenommen werden wie er ist, das heißt, dass ein Zwicken oder ein Muskelkater durch zusätzlichen Sport den Körper von außen „manipulieren“ würde und somit seine inneren Strukturen ändert.

Was ist Vipassana und was bedeutet das?

Im Grunde sind wir alle, du und ich und jeder andere Mensch auf dieser Welt, liebevolle, mitfühlende, friedvolle Herzensmenschen, die gerne „geben“, ohne das Verlangen zu haben „nehmen“ zu wollen. Doch von Geburt an dringen 3 Verhaltensmuster in unseren Geist ein, die uns zu genau dem Gegenteil werden lassen. Das sind: Unwissenheit, Verlangen und Abneigung. Jede dieser 3 „Feinde“, die immer und immer wieder mit unserem Geist Spielchen spielen und zu dem werden lassen, der wir sind, bringen zwangsweise Emotionen mit sich, wie Trauer, Freude, Wut, Glück, Aggression, Übelwollen, Hass etc. Es bilden sich sinnbildlich „Knoten“ in unserem Kopf, die immer mehr werden und es umso schwieriger machen, zu dem liebevollen Menschen zurückzukehren, der wir eigentlich sein sollten.

Gehen wir kurz auf das Beispiel Verlangen ein: als Kind wollten wir unbedingt diese oder jene Spielfigur, Zeitschrift, Süßigkeit haben. Bekamen wir diese nicht, waren wir traurig, wütend oder oder oder. Das überträgt sich natürlich auch auf andere.

Oder man entwickelt eine gewisse Abneigung, dass man ruhig am Tisch sitzen muss, wenn die Familie gemeinsam isst, und man wird ebenfalls wütend oder gar aggressiv. Auch das überträgt man auf andere…

Unwissenheit, Verlangen, Abneigung → Emotionen wie Trauer, Freude, Wut…

=

Input → Output“

Diese Knoten wollten wir lösen, weshalb wir uns für diese Meditationstechnik entschieden haben…

Das Wort Vipassana bedeutet grob gesagt „beobachten“. Es steckt so vieles hinter diesem Begriff, doch um das zu beschreiben Bedarf es viel Zeit. Wir versuchen hiermit einfach mal unser Bestes, um euch einen kurzen Überblick zu geben. Uns sollte gelehrt werden, wie wir unseren Geist durch das Beobachten unseres Körpers und den damit verbundenen Emotionen beeinflussen und dadurch lenken können…

Gelehrt wurde uns Vipassana von einem hohen Mönch, der diese Technik perfekt beherrscht. Er und ein weiterer Mönch geben abwechselnd zwei mal monatlich für jeweils 10 Tage diese Kurse. Der mittlerweile unter Vipassana-Interessierten weltbekannte Gründer vieler Meditations-Centren S. N. Goenka sagte einst:

There can not be peace in the world when people have anger and hatred in their hearts. Only with love and compassion in the heart is world peace attainable.!

Seine Worte führten uns maßgeblich auf den Weg zur Vipassana-Technik….

Weg zwischen Dhamma-Hall und Dining-Hall

Wie funktioniert Vipassana?

Die ersten 4 Tage trainierten wir unseren Geist darauf, sich auf bestimmte Körperstellen konzentrieren zu können, zu fühlen, was da so vor sich geht und dies bewusst wahrzunehmen. Das war gar nicht so leicht wie es klingt, da der Geist anfangs noch wild umherspringt, von einem Gedanken zum anderen, Gedanken über Vergangenheit und Zukunft, jedoch nicht konzentriert beim Körper bleibt. Schließt einfach mal eure Augen für ein paar Minuten und versucht euch auf einen Teil eures Körpers zu konzentrieren. Dann wisst ihr wovon ich rede.

Genau deshalb haben wir unseren Geist Stück für Stück auf immer kleinere und feinere Gebiete im Körper bewusst konzentriert. Auf den natürlichen Fluss unseres Atems, ohne ihn beeinflussen zu wollen, auf die Empfindungen des Atems in der Nase, auf den kleinen Teil oberhalb unserer Oberlippe bis zur Nasenspitze. Bis wir ab dem Nachmittag des vierten Tages so weit waren, das wirkliche Vipassana zu erlernen, jede noch so winzige Stelle des Körpers wahrzunehmen und die Technik Stück für Stück anwenden zu können. Unser Geist war geschärft und bereit, die wilden Gedanken nahmen nach und nach ab.

Um nun das Verhalten des Geistes verstehen zu können ist es wichtig zu wissen, wie er funktioniert. Das Spielchen ist recht simpel:

Durch unsere Sinnesorgane (Augen/Ohren/Nase etc.) nehmen wir Dinge wahr. Im Geist wird eine Bewertung abgegeben (gut/schlecht) und ein Gefühl/eine Emotion erzeugt. Zu guter Letzt wird das Gefühl/die Emotion wieder nach außen transportiert. All das passiert ganz automatisch.

Ein Beispiel dazu:

Ich möchte schlafen gehen, da es bereits sehr spät nachts ist. Durch mein Sinnesorgan, mein Ohr, nehme ich nun wahr, wie mein Nachbar lautstark Musik hört. Ich gebe eine Bewertung ab. Meine Bewertung: finde ich schlecht, ich will ja in Ruhe schlafen! Automatisch wird ein Gefühl/eine Emotion erzeugt, das lautet im Beispiel: Wut. Wut auf den Nachbarn, der nur an sich denkt und nicht daran, dass ich um die Zeit schlafen wollen würde. Wir sind wieder an der gleichen Stelle angelangt wie bereits beschrieben – Abneigung erzeugt Wut. Das Ganze ist lediglich eine Angewohnheit unseres Geistes. Dieses Gefühl/diese Emotion wird nun nach außen transportiert, indem mein Herz schneller schlägt, mein Atem schneller wird, ich nicht einschlafen kann, weil ich mich doch so sehr über meinen Nachbarn ärgere. Bis dahin habe ich mir nur selbst und meiner inneren Ruhe geschadet. Steigere ich mich nun so sehr hinein, dass ich zum Nachbarn gehe und ihm an die Kehle gehe schade ich auch ihm. Wer geht denn schon in einer solchen Situation zum Nachbarn und bittet ihn höflichst die Musik abzustellen, wenn man sich bereits seit einer Stunde reingesteigert hat?!

Wie ihr merkt liegt das Problem nicht beim Nachbarn – sondern nur an uns und unseren abgegebenen Bewertungen selbst!

Und dort beginnt der Eingriff in unser menschliches Gehirn, den wir durch Vipassana vornahmen.

Wie bereits erwähnt bedeutet Vipassana beobachten. So konzentrierten wir uns auf jede noch so winzige Stelle im Körper und wandten dabei die 2 wichtigsten Bausteine des Vipassana an, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, die beschriebenen „Knoten“ zu lösen:

Erstens:

ALLES im Leben in vergänglich, impermanent! Alles entsteht und vergeht, entsteht und vergeht. Jedes Gefühl, jeder Gegenstand, jeder Gedanke, jedes Lebewesen. Alles entsteht und vergeht, dauert mal Jahre, mal eine Millisekunde. Bezüglich der Gefühle und Gedanken ist es recht einfach. Man hat Gedanken oder Gefühle, die mal kurz da sind und dann wieder verschwinden, manche bleiben etwas länger. Schwerer dagegen ist es jedoch, das mit Gegenständen oder gar sich selbst vorzustellen. Die Plastiktüte, die irgendwo am Straßenrand liegt, wird irgendwann zersetzt. Das dauert viele viele Jahre bis Jahrhunderte. Die Bananenschale hingegen braucht eine Woche und es ist nicht mehr viel davon übrig.

Dringen wir in die tiefsten Teilchen unseres Körpers vor, realisieren wir, dass auch unser Körper arbeitet. Es bilden sich ständig neue Zellen und wir altern. Die neue Zelle entsteht und vergeht im nächsten Augenblick wieder. Wie die Bräune der Haut nach einem Sonnenbad, die nach und nach wieder verschwindet. Unser bewusster Teil des Gehirns nimmt das jedoch nicht so genau wahr, wir sehen nur unseren Körper, so wie er ist. Unser Körper ist quasi wie eine Illusion, die gleich zu bleiben scheint, sich jedoch von Augenblick zu Augenblick immer wieder ändert. DAS ist Vergänglichkeit, egal ob auf körperlicher oder geistiger Ebene. Genau genommen hat sich auch euer Körper von JETZT auf GLEICH wieder verändert.

Zweitens:

Baustein zwei lautet Gleichmütigkeit! Gleichmütigkeit des Geistes in Bezug auf die körperlichen und geistigen Ebenen. Wir betrachten Empfindungen im Körper gleichmütig, indem wir sie nur beobachten und nicht bewerten, also finden wir das Gefühl jetzt gut oder schlecht. Gleichmütig handeln bedeutet, dass wir weder wollen, dass schöne Empfindungen bestehen bleiben, noch dass unschöne Empfindungen aufhören. Zu beobachten, so wie sie sind und sich anfühlen. Dir tut der Rücken weh vom stundenlangen meditieren? Perfekt, dann kannst du dich gleich in Gleichmütigkeit üben. Bewerte es nicht, rede dir nicht ein, dass das jetzt schlecht ist, dass dein Rücken weh tut, denn der Schmerz vergeht bei der nächsten Bewegung. Vielleicht tut er auch morgen noch weh. Aber er vergeht, nicht? Warum sich also darüber aufregen?! Euch nervt das kalte Wetter? Perfekt, wieder eine Chance, das mit Gleichmut zu betrachten! Denn auch der Winter vergeht irgendwann. Warum also darüber meckern und andere mit der Winterdepression anzustecken?! Ihr habt Verlangen nach Sport, könnt keinen Tag ohne Mukelkater leben? Solange man die Möglichkeit hat sich sportlich zu betätigen, weil einem Sport gut tut, dann ist alles soweit gut. Dann kommt aber mal eine Zeit, in der man nicht sporteln kann. Sei es eine Verletzung oder weil einem einfach die Zeit fehlt. Hat man ein Verlangen danach entwickelt, spätestens dann wird man genervt und fühlt sich nicht gut. So wird aus Verlangen eine negative Emotion erzeugt. Bewertet dies gleichmütig, denn entweder kommt wieder die Zeit, in der man mehr sporteln kann, oder das doofe Gefühl, mal eine Woche keinen Sport betrieben zu haben, endet. Alles entsteht und vergeht….

Wenn wir die Situation nicht bewerten (gut/schlecht) und damit keine negativen Emotionen auslösen, übertragen wir diese auch nicht auf andere. Es entsteht eine positive Atmosphäre, voller guter Vibes und positiver Energie…

Und beide Bausteine gemeinsam angewandt, Dinge gleichmütig hinzunehmen, da sie eh vergänglich sind, dort besteht nun die Schnittstelle zwischen Gehirn und Körper!!!

Wir beobachteten unseren Körper, jede einzelne Körperstelle separat, nicht größer als eine Handfläche, achten auf jede Empfindung die dort aufkommt. Egal ob Schmerz, Kribbeln, Taubheit, Kälte, Wärme, Schweiß, Leichtigkeit, Wind. Wir beobachteten diese Empfindung, ohne diese zu bewerten, ob es sich um eine schöne oder unschöne Empfindung handelt. Wir nehmen die Empfindung gleichmütig hin, indem wir realisieren, dass, egal welche Empfindung auch immer, impermanent ist! Sie ist vergänglich! Dieser Prozess wird dir während des Anwendens der Vipassana-Technik verinnerlicht.

Durch diese Methode verbinden wir Körper und Geist. Und beides muss stets und ständig trainiert werden, indem wir weiter meditieren, damit all die sogenannten Verunreinigungen, die sich tief im Inneren unseres Körpers befinden, nach und nach zum Vorschein kommen. Sie entstehen und vergehen…

Zurück zum Beispiel des störenden Nachbarn:

Ich gehe ins Bett, weil ich totmüde bin und es bereits sehr spät ist. Der Nachbar beginnt wieder zum gleichen Zeitpunkt meinen wohlverdienten Schlaf zu stören, indem er die Musik laut aufdreht. Unser Sinnesorgan Ohr nimmt die Tatsache auf und beginnt sofort, den Prozess der Vipassana-Technik anzuwenden: es wird keine Bewertung abgegeben (ich finde es natürlich immernoch nicht toll, dass er so laut Musik hört). Mein Gehirn nimmt das ganze Spielchen gleichmütig auf, möchte nicht, dass es aufhört, denn es ist ein impermanentes Gefühl/eine Emotion, so wie alles andere auch. Das passiert, insofern man die Technik der Vipassana verinnerlicht hat, ganz automatisch, ohne es beeinflussen zu müssen. Das Gesetz der Impermanenz und der Gleichmütigkeit angewandt, wird kein Gefühl mehr von Wut entwickelt, dass weder mich noch irgendwen anders unglücklich macht. Ist der Prozess komplett im Geist verankert, hört sogar der Geist auf, eine Bewertung abzugeben…

Hinweisschilder vor der Dhamma-Hall

Das ist alles, das ist Vipassana!

Das war so kurz wie möglich und so lang wie nötig zusammengefasst, unter welchen Umständen wir unser Vipassana Retreat in Sri Lanka durchführten.

Ich hoffe, dass ich euch die Technik der Vipassana-Meditation ein Stück weit näher bringen konnte. Im nächsten Blogbeitrag erfahrt ihr dann auch, wie wir das ganze umsetzen konnten, wie wir den Aufenthalt empfunden haben und wie es uns heute damit geht.

Ich lerne wie ich meine Emotionen steuere – und nicht meine Emotionen mich steuern!“

3 thoughts on “Vipassana-Retreat FACTS Sri Lanka Februar 2018

  1. Vielen Dank für die tolle Beschreibung. Habe die ganze Zeit bei mir Lesen geschmunzelt, und mich gefragt wie Ihr es geschafft habt, Fotos zu machen? Durftet ihr mit Handy und Fotoapparat im Anschluss noch mal eine Runde machen? 🙂

    Auf jeden Fall wurden mir einige meiner Ängste genommen. Zum Beispiel ob ein Retreat auf Englisch wirklich Sinn macht, wenn einem nachher wichtige Vokabeln fehlen, und man den Sinn gar nicht erfasst.

    1. Christian

      Hi Sven,
      wir freuen uns sehr, dass wir dir die Angst ein wenig nehmen konnten. Denn auch wir hatten vorher Bedenken, ob es Sinn macht, wenn einem die wichtigen Vokabeln fehlen! Frag am Besten vorher, ob das Center ebenfalls Audio-Guides anbietet. Wir hatten extrem gute Erfahrungen gemacht und können es jedem an’s Herz legen, einen Vipassana Retreat mitzumachen. Man geht als anderer Mensch nach Hause und das merkst nicht nur du selbst, sondern auch alle Menschen, die mit dir in Kontakt kommen.
      Falls du noch irgendwelche Fragen, Sorgen, Ängste hast meld dich bitte gern bei uns. Und solltest du einen Retreat machen, wir würden uns ebenfalls über deine Erfahrungen freuen 🙂
      Liebe Grüße
      Anni und Christian

  2. Magda

    Hallo ihr zwei.
    Das klingt nach einer sehr prägenden und lehrreichen Zeit. Es freut mich, dass ihr nun endlich diese Erfahrung machen konntet. Euer Bericht hat mir nochmal mehr Infos zu dem Thema gegeben als ein „was great!“, was man sonst so zu hören bekommt. Toll! Ich bin bereit und freue mich auch auf diese Erfahrung in naher Zukunft.
    Macht’s gut! Liebe Grüße

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