Gefühlschaos beim Abschied auf Zeit

Wie lang will ich diese Zeilen schon schreiben.

Nie ist der richtige Moment. Im Einen ist man zu emotional, zu melancholisch, im Anderen zu beeindruckt und abgelenkt von vielen neuen und tollen Dingen, welche das Beschreiben sämtlicher Gefühle auch nicht grade erleichtert.

Gefühle…..puh….das ist ja genau mein Thema 😀

Trotzdem habe ich das Gefühl genau diesen Post unbedingt schreiben zu wollen.
Christian und ich schreiben -wie euch sicher aufgefallen ist- unabhängig voneinander die Posts. Gerade bei diesem möchte ich das allerdings nochmals betonen, da diese Empfindungen sehr persönlich auf mich bezogen sind. Natürlich denke ich zu wissen, wie sich Christian gefühlt hat, halte es aber nicht für sinnvoll, dieses Thema in der „wir-Form“ auszuführen.
Vor dem Start unserer Reise habe ich viel gelesen. Eine Menge Reiseblogger berichten über ihren theatralischen Abschied, winkend am Flughafen. Zum Glück war das bei uns nicht so. Aber beginnen wir am Anfang. Wann war eigentlich der Anfang? Einige Freunde sieht man, aber rechnet nicht damit, dass man es tatsächlich nicht noch einmal schafft, den anderen zu treffen.
Von anderen verabschiedet man sich mehrfach – zumindest innerlich-, weil man es nicht wahr haben möchte, dass man sich für eine so lange Zeit nicht sehen kann.

Begonnen hat es mit unseren Kollegen. Menschen, welche man zwei Drittel eines Wochentages permanent um sich hat. Menschen, welche man, in unserem Fall, sehr sehr lieb gewonnen hat. Der letzte Arbeitstag ist da, wir geben Frühstück aus, bekommen unglaublich liebe Geschenke, aber sonst….sonst ist alles wie immer. Ich gehe zur Arbeit, habe einen wirklich schönen Tag, verabschiede mich. Thats it. „War das alles?“ – das kaufe ich mir selbst nicht ganz ab. Im Normalfall bin ich so unglaublich emotional, dass ich Tränen in den Augen habe , sobald im Steigerwaldstadion mal zwanzig Leute mehr mitsingen, als es in der Regel der Fall ist. (okay, das mag jetzt vielleicht auch nicht jeder nachvollziehen können^^) Man realisiert es eben einfach nicht. Gar nicht. Ich steige in mein Auto und habe das Gefühl am nächsten Morgen wieder auf diesem Parkplatz zu stehen.
Die nächsten zwei Wochen sind unfassbar intensiv. Wir verbringen so viel Zeit wie möglich, mit nahe zu allen Menschen, die uns wichtig sind. Jeden Abend ist jemand bei uns zu Gast und wir genießen es so gut wir nur können. Nebenbei möchte ja auch noch eine Wohnung aufgelöst, eine Abschiedsfeier organisiert, zwei Rucksäcke gepackt und die Gefühle unter Kontrolle gebracht werden. Alles wurde von Tag zu Tag stressiger. Da wir aber unfassbar tolle Freunde haben, welche uns in allen Lebenslagen unterstützen, waren wir zwar am Ende wirklich urlaubsreif, aber bevor man 1,5 Jahre Freizeit hat, ist das zu verkraften. 😉

Ein bisschen aus der Bahn geworfen hat mich eine besondere Begegnung. Zufällig lerne ich eine Dame kennen, welche mich nur berufsbedingt kennt. Wir sehen uns zum zweiten Mal. Sie schaut mich an und sagt „Was ist denn mit dir los? Kann es sein,dass da jemand plötzlich nicht los lassen kann , oder will!?“

Shit! Mir kullern sofort Tränen über mein Gesicht. Das habe ich so nicht erwartet. Sicher ist das auch der Grund, weshalb mich dieser Satz so trifft. Verdammt, sie hat irgendwie Recht! Will ich eigentlich meine Familie so lange nicht sehen, obwohl ich weiß, wie sehr ich ihnen fehlen werde? Will ich ohne meinen süßen, kuscheligen Kater im Arm aufwachen? Will ich den Abstand zwischen den mir so wichtigen Menschen zulassen?! Will ich nicht einfach mal die Tür hinter mir schließen können, an einem Ort, welchen ich „zu Hause“ nenne?

Die kommenden Tage sind wirklich nicht leicht. Ich denke viel nach. Sehr viel. Aber verdammt! Ich tue das, wovon ich geträumt habe! Was soll daran falsch sein?! Warum wollen wir eigentlich immer das, was wir grade nicht haben?
Hier möchte ich aber noch kurz ein Danke für die Gespräche und alle anderen Dinge, an die hier angesprochene Dame richten, da ich sehr sicher bin, dass sie das hier ließt 🙂
Weiter im Text…
Es ist Ende der Woche- Abschiedsfeier! Wahnsinn! Ihr seid alle verrückt! Ich muss es immer wieder sagen: Riesiges Danke an alle. Für jede Art der Unterstützung! (egal ob Vorbereitungen, Umsetzung, unfassbare Aufräumarbeiten, oder selbstverständlich jedes einzelne Geschenk!) Ihr seid wundervoll.
Zur Feier gab es nur wenige Verabschiedungen. Die meisten Leute sehen wir nochmal, oder wir sind schlicht überfordert mit all den tollen Menschen, lieben Wünschen und rennen nur von einer Person zur anderen, sodass kaum große Emotionen aufkommen können.

Allerdings ist am nächsten Tag Heimspiel. Davor grault es mir seit Wochen. Das letzte mal für 1,5 Jahre in meinem geliebten SWS stehen. Dass die Gesamtsituation im Verein nicht die Beste ist, macht es mir nicht leichter. Abpfiff. Ich habe Tränen in den Augen. Na prima. Die Sonne scheint, super für meine Sonnenbrille und mich. So- jetzt aber mal zusammen reißen und sich von den Jungs verabschieden. Ein Satz rettet mich: „Anni, hab dich nicht so. Wenn unsere Stadionverbote eintrudeln, dürfen wir drei Jahre nicht hier stehen.“ Ich muss lachen. Wie wahr… Immerhin gehe ich freiwillig und kann jeder Zeit zurück kommen. Zum Beispiel, wenn es um Auf- oder Abstieg geht. Aber wir wollen mal nicht übertreiben 😉
(zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, ist dieser Beitrag schon ein paar Wochen alt, wie jedem Fußballinteressenten jetzt sicher auffällt)
Innerhalb der kommenden Woche versuche ich mit allen wichtigen Menschen vor Ort so gut und so intensiv wie nur möglich meine Zeit zu verbringen. Klappt besser als vermutet. Ich nehme mir die Zeit und genieße diese.

Natürlich heißt das wenig Schlaf, viel zu tun, Stress. Die letzten Stunden auf den Tanzflächen Erfurts, ein letztes Mal der Blick vom Petersberg auf die schönste Stadt der Welt. Nicht nur genau diese Menschen werde ich unglaublich vermissen, nein – mein Erfurt wird mir fehlen! Seit zehn Jahren lebe ich nun hier, habe so viel erlebt, unfassbar viele und tolle Menschen kennengelernt und was soll ich sagen!? Erfurt ist meine zweite Heimat geworden. #meinerfurtdichwerdichvermissen
Donnerstag, 17.00Uhr Wohnungsübergabe – 17.15 Uhr tragen wir die letzten Kartons aus der Wohnung, während die Dame der WBG die Schlüssel prüft und mit der neuen Bewohnerin alles begutachtet. Die letzten Tage waren stressig. Am Abend fahre ich mit dem Auto voller Kartons zu meinen Eltern. Es ist schon dunkel, die Lichter der Stadt strahlen mir entgegen. Natürlich rollen mir Tränen über das Gesicht.

Freitag fahren wir ein letztes Mal zu Christians Familie und Freunden nach Laucha. Wir haben einen schönen Abend und viele herzliche Momente und Umarmungen. Samstag zurück nach Saalfeld, zu meiner Familie. Auf die Verabschiedung von Eltern muss ich wohl nicht näher eingehen, oder?! Natürlich versucht man für sich selbst und alle Beteiligten möglichst stark zu sein, aber ich denke jedem ist klar, was es für Eltern heißt, ihre Kinder über ein Jahr nicht zu sehen und jedem ist ebenso bewusst wie es sich für Kinder anfühlt, die eigenen Eltern weinen zu sehen. Es gibt wenige schlimmere Gefühle.

Für Samstag haben wir meine Familie und einige unserer wichtigsten Freunde zu meinen Eltern zum grillen eingeladen. Ich habe etwas Angst vor dem Abend. Alles ist wie ich es erwartet habe- alle verstehen sich super, die Omis und Opis machen sich recht früh auf den Heimweg. Nun heißt es allerdings noch die besten Freunde der Welt zu verabschieden. Sicherlich ahnt ihr, was ich jetzt schreibe… Natürlich habe ich geweint. Vor allem aber habe ich auch gelacht, getanzt und die letzten Stunden unfassbar genossen.
Sonntag Verabschiedung meiner Eltern, Hund und Katze. Ziemlich hart für mich. Ich versuche mich so gut wie möglich zusammen zu reißen. Das klappt auch eigentlich ganz gut. Sicher auf Grund der Tatsache, dass meine Schwester bei uns ist, da wir ja mit ihr nach Hannover fahren, um von dort aus zu trampen.

Diese ganze Sache mit dem Abschied auf Zeit war nicht leicht für mich. Das ist mit Sicherheit völlig normal, alles andere wäre unmenschlich. Allerdings sind 1,5 Jahre eine lange Zeit. Es wird sich viel verändern. Wir werden uns verändern.
In dieser Zeit bauen unsere Freunde Häuser, die Kinder wachsen und wer weiß, ob nicht der ein oder andere verheiratet ist, bis wir zurück sind. Das ist der normale Lauf der Zeit. Jeder sollte tun, was ihn wirklich glücklich macht.

Früher oder später….

Anni

4 thoughts on “Gefühlschaos beim Abschied auf Zeit

  1. Nicky

    Anni… Da habe ich doch tatsächlich ein paar Tränen in den Augen! Irgendwie konnte ich diese Gefühle die du hier beschreibst so deutlich fühlen. Dieses hin und her der Gefühle – schrecklich! Aber du bzw. ihr macht das,was euch erfüllt und euch glücklich macht. Egal wie man sich entscheidet,man macht es immer für sich und damit das Richtige.

    Ich sende euch Liebe Grüße aus dem nicht so sonnigen Gera.

    Nicky

    P.S.: Wir sehen uns dann in 1,5 Jahren im SWS 😉

    1. Meine liebe Nicky 🙂
      Danke für deine lieben Worte ♥
      Ich freu mich sehr,dass dir der Text gefallen hat und kann mir gut vorstellen, dass du das Gefühl nachempfinden kannst.
      Ich schick dir ganz viel Sonne nach Thüringen!

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