{"id":846,"date":"2017-07-09T17:15:46","date_gmt":"2017-07-09T15:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/losreiser.de\/?p=846"},"modified":"2017-07-09T17:31:56","modified_gmt":"2017-07-09T15:31:56","slug":"wie-man-das-land-als-frau-erlebt-iran-part-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/losreiser.de\/?p=846","title":{"rendered":"Wie man das Land als Frau erlebt &#8211; Iran Part II"},"content":{"rendered":"<p>So magisch orientalisch, so extrem.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend unserer Zeit im Iran h\u00e4tte ich schon nach wenigen Stunden beginnen k\u00f6nnen \u00fcber das facettenreiche Land in Zentralasien zu schreiben. Bereits am Flughafen gab es so viele neue Eindr\u00fccke. Oder auch die Ankunft bei unserem Host, welcher nachts um 04.00 Uhr von der Polizei angerufen wurde, um zu best\u00e4tigen, dass wir keine Gesch\u00e4ftspartner oder Journalisten sind.<\/p>\n<p>Damit hatte ich nicht gerechnet. Der erste Ausflug in die quirligen, nach Gew\u00fcrzen duftenden Stra\u00dfen Teherans. Alles war neu und vor allem eins \u2013 alles war anders. So viel anders als ich es mir vorgestellt hatte. Da lie\u00dft man Monate \u00fcber Land, Leute, Kultur und Religion, was darf eine Frau, wer gibt wem die Hand, wie benimmt man sich. Dann kommt man an, wird von einem (fremden) Mann herzlich umarmt, jeder ist wach bis die fr\u00fchen Morgenstunden, philosophiert \u00fcber das Leben, das Land, die Politik.<\/p>\n<p>Als wir am n\u00e4chsten Tag bei unserem Host aufwachen sitzt ein M\u00e4dchen auf der Couch. In kurzer Hose, gepierct, t\u00e4towiert. Wow &#8211; damit habe ich nicht gerechnet! Sie f\u00fchrt eine offene Beziehung mit unserem Host. Meinen Blick h\u00e4tte ich ja gern gesehen, als ich das erfahren habe. Fast kommt es mir vor, als w\u00e4ren die Menschen hier nur halb so konservativ, wie wir Deutschen.<\/p>\n<p>Der Iran \u00fcberrascht mich am ersten Tag sehr positiv mit seiner Lockerheit und Offenheit.<\/p>\n<p>Allerdings \u00e4ndert sich das im Laufe der Reise circa t\u00e4glich.<\/p>\n<p>Gut, ich muss ein Kopftuch und eine l\u00e4ngere Jacke tragen. Ja, es ist hei\u00df, aber nein, es st\u00f6rt mich nicht. Es gibt wahrlich Schlimmeres. Das werde ich noch mehrfach feststellen.<\/p>\n<p>Es ist circa 1 Uhr nachts \u2013 wir fahren durch die Stra\u00dfen Teherans, die Musik dr\u00f6hnt durch das Auto. \u201eThis is our house, this are our rules\u201c -ja, das merkt man. Hier l\u00e4sst sich die junge Generation nur sehr wenig vorschreiben. Wir haben so viel Spa\u00df mit Menschen, welche wir nicht einmal seit 48 Stunden kennen. Wir schreien die Texte durch das fahrende Auto und fliegen durch die bunt beleuchteten Stra\u00dfen der unerwartet modernen Hauptstadt.<\/p>\n<p>Wenn mich jemand fragen w\u00fcrde, weshalb ich diese Reise mache &#8211; genau deshalb! Genau das sind die Momente, welche einem niemand man mehr nehmen kann. So einfach, so unkompliziert, so frei und weit weg von allen Gedanken.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter in der Nacht sitzen wir in einem Caf\u00e9, hier kennt man die wenigen Pl\u00e4tze, welche nach Mitternacht ge\u00f6ffnet haben d\u00fcrfen. Wieder denke ich \u2013 ach naja, so problematisch ist das doch hier alles nicht.<\/p>\n<p>Ich unterhalte mich mit einem M\u00e4dchen. Sie ist unglaublich gebildet und so sch\u00f6n. Sie studiert, arbeitet nebenbei viel. Allgemein ist sie sehr fr\u00f6hlich, singt und tanzt gern und gut.<\/p>\n<p>\u201eAnni, was denkst du \u00fcber Frauen im Iran?\u201c<\/p>\n<p>Puhh\u2026.so recht wei\u00df ich nicht, worauf sie hinaus will. Sie sind sch\u00f6n?! Sie sind unglaublich hilfsbereit? Gastfreundlich?<\/p>\n<p>\u201eJa, das ist unsere Kultur. Aber was denkst du \u00fcber das Leben hier? Muss es nicht sch\u00f6n sein, in Deutschland alle M\u00f6glichkeiten zu haben? Du darfst alles tun was du m\u00f6chtest, raus gehen wann du m\u00f6chtest. Unbeschwert tanzen, lachen und Spa\u00df haben.\u201c<\/p>\n<p>Ich sehe wie ihre gro\u00dfen braunen Augen in der Dunkelheit funkeln, sie hat Tr\u00e4nen in den Augen.<\/p>\n<p>Da ist sie \u2013 die Realit\u00e4t. Nat\u00fcrlich ist es f\u00fcr mich als Tourist in Ordnung ein Kopftuch zu tragen. Aber wie w\u00fcrde ich mich denn f\u00fchlen, m\u00fcsste ich das jeden Tag tun? Ohne eine Wahl. Wie ist es in eine Religion geboren zu werden, an die man nie geglaubt hat? In einer Kultur voller Verbote zu leben. Nicht mit seinen Freunden tanzen zu d\u00fcrfen. Facebook und Youtube zu nutzen, im st\u00e4ndigen Wissen, wenn die Polizei je etwas sucht, was man mir anh\u00e4ngen m\u00f6chte, es ein Leichtes ist. Man nicht einfach so das Land verlassen kann, wann man m\u00f6chte.<\/p>\n<p>All diese Dinge, \u00fcber welche wir nie nachdenken, da sie f\u00fcr uns selbstverst\u00e4ndlich sind. Selbstverst\u00e4ndlich, dass wir das Gl\u00fcck haben in einem Land geboren wurden zu sein, welches uns nicht nur zu Hause alle Freiheiten der Welt gibt, sondern auch dessen Pass die goldene Eintrittskarte zu nahezu jedem Land der Welt ist.<\/p>\n<p>Ich finde das sollten wir uns etwas \u00f6fter vor Augen f\u00fchren und vor allem dankbar daf\u00fcr sein. Ja, die Politik in unserem Land mag nicht immer das Gelbe vom Ei sein. Solang L\u00e4nder Waffen produzieren und ausliefern, um Kriege weiterzuf\u00fchren, und die Medien uns nur berichten, was wir h\u00f6ren sollen, f\u00e4llt es schwer, \u00fcberhaupt Dingen Glaube zu schenken. Aber wir sollten uns bewusst dar\u00fcber sein, dass es jedem Einzelnen von uns unglaublich gut geht!!!<\/p>\n<p>Wenn auch nicht ganz passend zum Text, an der Stelle aber ein so wahres Zitat von K.I.Z.: \u201eIhr k\u00f6nnt im Wahllokal ankreuzen, wer den Puff besitzt. Es bleiben immer die gleichen Freier, denen ihr einen lutschen m\u00fcsst!\u201c<\/p>\n<p>So ist es und so bleibt es auch sicher auch noch eine Weile \u2013 auch in Hinsicht auf unsere anstehenden Wahlen, sollte jeder dar\u00fcber nachdenken, wozu er mit einer \u201eProtestwahl\u201c oder mit nicht w\u00e4hlen beitragen k\u00f6nnte. Was passiert, wenn man patriotische Egoisten w\u00e4hlt, sollten u.a. die USA oder die T\u00fcrkei als Negativbeispiel grade eindrucksvoll zeigen.<\/p>\n<p>Genug der Politik &#8211; zur\u00fcck zum Iran.<\/p>\n<p>Was passiert mit Dingen, die man Menschen verbietet? Genau- es macht sie interessant! Dinge, welche man vorgeschrieben bekommt hingegen sind immer irgendwie belastend und so richtig gern macht man sie nicht.<\/p>\n<p>Oder weshalb konsumieren in Deutschland mehr Menschen Marihuana als in den Niederlanden? Weshalb machten wir als Kinder nicht gern Mittagsschlaf?<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten selbst bestimmen, was wir tun.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnt ihr euch sicher vorstellen, was in einem Land passiert, in dem nahezu alles was Spa\u00df machen k\u00f6nnte, verboten ist. Somit ist es nicht verwunderlich, dass uns innerhalb weniger Tage unz\u00e4hlige Male Alkohol oder Joints angeboten, wir zu Hauspartys eingeladen wurden.<\/p>\n<p>Es entwickelt sich eine richtige Szene. Dort gibt es nichts, was es nicht gibt. Allerdings macht genau das Menschen kriminell. Sie bringen sich in Gefahr, nur um ein St\u00fcck \u201enormales\u201c Leben zu haben.<\/p>\n<p>Wir haben viele Menschen im Iran kennengelernt. Sehr oft war ich erstaunt, wie unglaublich intelligent sie waren. Eine junge Generation, voller Wissen \u00fcber Politik, nahezu jeder hat einen Studienabschluss. Aber was wollen 80% von ihnen nach dem Studium machen? Sie m\u00f6chten ins Ausland gehen. Klar, das kann ich v\u00f6llig nachvollziehen. Sie m\u00f6chten erleben und f\u00fchlen, was sie nur aus den -wahrscheinlich verbotenen- Medien kennen.<br \/>\nGenau damit macht sich das Land selbst kaputt. Es vertreibt seine aufstrebende Jugend. Alles k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein. Wir treffen so viele junge Leute, welche ihr Land wirklich lieben. Und das v\u00f6llig zu recht. Es ist wundersch\u00f6n, es ist orientalisch, es ist fr\u00f6hlich. Wenn man ihm nur die Chance dazu gibt.<\/p>\n<p>Nun denkt man sicher wieder \u201eJaja, der Islam eben. Diese komischen Muslime&#8230;\u201c Nein! Genau so ist es nicht. Das ist nur der Staat! Kaum etwas der Regeln, Gesetze und Verbote hier hat etwas mit dem Islam zu tun. Nun sind wir seit einer Weile in Malaysia und haben sehr viel \u00fcber den Islam gelernt und durch unser Ramadanprojekt uns ganz freiwillig viel mit der Religion besch\u00e4ftigt.<br \/>\nMindestens 90% der Muslime, welchen wir begegnet sind, waren unheimlich tolerant, offen und freundlich. Verhaltensweisen von Menschen, Gesetze in L\u00e4ndern, oder gar psychische Aussetzer (wie Amokl\u00e4ufe) kann man nun mal nicht an Hand einer Religion festlegen.<br \/>\nNat\u00fcrlich habe ich im Iran das ein oder andere Mal zu sp\u00fcren bekommen, dass ich die Frau bin. Allerdings kam das \u00e4u\u00dferst selten vor.<\/p>\n<p>Eindeutig war, dass einer unserer Couchsurfinghosts ausschlie\u00dflich mit Christian gesprochen hat. Ich denke: \u201eAch ja, da haben wir es ja. Ich bin eine Frau, ich werde ignoriert.\u201c. So schnell erwischt man sich dabei, sofort den Vorurteilen zu verfallen, obwohl es nur ein kleiner erster Eindruck ist. Anfangs war ich irritiert und auch ein bisschen w\u00fctend. Nach zwei Stunden einfach nur froh dar\u00fcber. Die Vorurteile waren verschwunden und die Erkenntnisse klar. Er war ganz einfach ein Macho wie er im Buche steht. Mit seiner Frau hat er n\u00e4mlich auch nicht gesprochen (au\u00dfer sie sollte ihm etwas zum Essen bringen). Wenn er mit Christian gesprochen hat, dann immer \u00fcber sein Geld, seine Urlaube, seine H\u00e4user. Aha. Interessant. Wieder ein Beweis daf\u00fcr, dass man Menschen nicht sofort verurteilen sollte. Gut, er war in meinen Augen wirklich nicht die Kategorie Mensch mit der ich kommunizieren m\u00f6chte (ich anscheinend ja auch nicht seine^^), aber das lag nat\u00fcrlich nicht an der Religion, sondern in meinen Augen einfach am Charakter.<br \/>\nAlles andere waren Kleinigkeiten, welche meist mit anerzogener H\u00f6flichkeit und der Kultur zusammenhingen. Und um ehrlich zu sein, ist es super entspannt endlich an einem Flughafen mal nicht von 100 Taxifahrern belagert zu werden und ganz witzig zu sehen, wie sich alle auf Christian st\u00fcrzen und ich locker raus spazieren kann. \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Die ganze Mann-Frau Geschichte hat in meinen Augen also wenig mit Religion zu tun und kann manchmal sogar ganz angenehm sein. Solang man als Tourist im Land ist.<\/p>\n<p>Als im Iran lebende Frau sieht das sicher schon ganz anders aus.<\/p>\n<p>Denn bereits nach einem Monat macht sich das frische Brot mit Honig und Feigen zum Fr\u00fchst\u00fcck auf den H\u00fcften bemerkbar. Das schl\u00e4gt aufs Gem\u00fct. Mein K\u00f6rper ver\u00e4ndert sich. Die Ern\u00e4hrung hier ist alles andere als gesund und Alternativen gibt es einfach nicht. Man m\u00f6chte ja auch niemanden vor den Kopf sto\u00dfen, nachdem die Mutti zwei Tage in der K\u00fcche stand, um den deutschen Ehreng\u00e4sten all ihre Kochk\u00fcnste zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Okay, kompensiert man das halt mit Sport. Haha. Kann man machen- jedenfalls wenn man ein Mann ist. Bin ich aber nicht. Das hei\u00dft im Klartext, dass es mir verboten ist drau\u00dfen Sport zu machen. Wie auch? Mit Jacke und Kopftuch bei 35 Grad?! Die Wohnung\/das Schlafzimmer teilen wir uns in der Regel mit 2-5 anderen Leuten. Also auch nicht der beste Platz, um im Laufe des Tages ein Workout hinzulegen. Naja okay, wohl f\u00fchle ich mich nicht, aber die Sicherheit, dass ich in Asien gesund essen und mich viel bewegen kann, beruhigt ein wenig. Bis dahin habe ich ja immerhin genug Jacken und T\u00fccher, um die neuen 1-2 Kilo nett zu verstecken.<\/p>\n<p>Das ist aber leider nicht alles. Was zum Teufel ist mit meiner Haut los!? So sah ich ja nicht mal in der Pubert\u00e4t aus!<br \/>\nEin Iraner fragt mich: \u201eFindest du auch, dass die Frauen hier viel zu viel Make Up tragen?\u201c. Recht hat er. Aber hat er je dar\u00fcber nachgedacht weshalb? Wenn ich im Sommer im kurzen Kleidchen los gehe, trag ich dazu sicher nicht noch den roten Lippenstift auf. W\u00e4re ja glatt \u00fcbertrieben. Wenn meine Haare heute gut liegen, muss ich mich ja nicht unbedingt schminken. Klar. Aber hier? Hier ist das nat\u00fcrlich anders. Die M\u00e4dels geben sich nat\u00fcrlich viel M\u00fche mit ihren Outfits. Letztendlich ist aber das einzig Einzigartige in der \u00d6ffentlichkeit an ihnen ihr Gesicht. Dementsprechend wollen sie hier alles rausholen und \u00fcbertreiben gern mal. Das merke ich selbst ganz schnell. Mit so einem Kopftuch wirkt n\u00e4mlich der rote Lippenstift gar nicht mehr so \u00fcbertrieben.<\/p>\n<p>\u00dcberfl\u00fcssige Kilos und unreine Haut von zu viel Make Up. Ich h\u00e4tte mir sch\u00f6nere Mitbringsel vorstellen k\u00f6nnen, um ehrlich zu sein.<\/p>\n<p>Zu viel Fleisch, zu wenig Gem\u00fcse. Zu viele Regeln, zu wenig Freiheit.<\/p>\n<p>Nach einem Monat verlassen wir das von mir geliebt-gehasste Land\u2026. Ob ich wieder komme? Das wei\u00df ich nicht so genau. Es war eine sehr interessante Erfahrung, welche ich nicht missen m\u00f6chte. Auch w\u00fcrde ich zu 1000% jedem den Iran als Reiseland empfehlen. Als sicheres Reiseland (auch allein reisenden Frauen). F\u00fcr mich reicht dieser Einblick jedoch vorerst. Die St\u00e4dte sind modern, die D\u00f6rfer historisch. Die Moscheen beeindruckend, die Kultur toll. Jedoch bin ich nach wie vor nicht sicher, ob man mit Tourismus den Menschen vor Ort hilft (das steht au\u00dfer Frage), oder ob man nicht somit auch der Regierung zeigt, dass Touristen einen Islamischen Staat ja als spannend empfinden.<\/p>\n<p>Ich habe den Iran wirklich lieben gelernt. Ich habe Freunde gefunden. Ich habe tolles Essen gegessen, den besten Tee getrunken. Ich habe mit den Menschen gelacht und geweint, alles mit ihnen geteilt, gelernt mehr zu teilen. Ich habe gelernt Menschen mehr zu vertrauen, mich mehr mit Politik und Geschichte zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Aber vor Allem habe ich meine Freiheit und mein Leben in Deutschland und der weiten Welt sehr zu sch\u00e4tzen und zu lieben gelernt!<\/p>\n<p>(F\u00fcr alle, die den ersten Teil unserer Iran-Reise \u00fcberlesen haben: <a href=\"http:\/\/losreiser.de\/?p=725\">HIER <\/a>findet ihr ihn!)<\/p>\n<p>Anni<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So magisch orientalisch, so extrem. W\u00e4hrend unserer Zeit im Iran h\u00e4tte ich schon nach wenigen Stunden beginnen k\u00f6nnen \u00fcber das facettenreiche Land in Zentralasien zu schreiben. Bereits am Flughafen gab es so viele neue Eindr\u00fccke. 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