{"id":725,"date":"2017-05-20T15:48:07","date_gmt":"2017-05-20T13:48:07","guid":{"rendered":"http:\/\/losreiser.de\/?p=725"},"modified":"2017-05-20T15:48:07","modified_gmt":"2017-05-20T13:48:07","slug":"iran-von-vorurteilen-bis-wahrheit-part-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/losreiser.de\/?p=725","title":{"rendered":"IRAN &#8211; Von Vorurteilen bis Wahrheit (Part I)"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\">\u201eDer Iran ist gef\u00e4hrlich, passt gut auf euch auf und vertraut niemandem!\u201c<br \/>\n\u201eDas sind doch alles Terroristen da unten!\u201c<br \/>\n\u201eIran? Seid ihr des Wahnsinns??\u201c<br \/>\n\u201eSucht euch doch bitte lieber ein anderes Land aus, aber nicht Iran!\u201c<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte die Liste der Aussagen noch ewig weiterf\u00fchren. Klar, h\u00f6rt man in den Medien doch nur nur wenig \u00fcber den Iran. Und das, was man h\u00f6rt, ist nicht gerade das Beste. Au\u00dferdem liegen derzeit bekanntlich s\u00e4mtliche Kriegsgebiete rings um dieses Land.<\/p>\n<p>Wir versuchen nun unsere Zeit und unsere Gef\u00fchle ANN\u00c4HERND zum Ausdruck zu bringen und k\u00f6nnen vorab sagen, dass man NICHTS davon zu sp\u00fcren bekommt!<\/p>\n<p>Wir sitzen im Flieger nach Kuala Lumpur, unserem Zwischenstopp in Richtung Bangkok. Da der Flieger nicht ausgebucht ist haben das Gl\u00fcck, dass sich jeder von uns auf einer kompletten Sitzreihe lang machen kann. Nun sitze ich auf meinem Platz und erinnere mich an den Moment, an dem wir unsere neuen iranischen Freunde aus Teheran verabschieden mussten. Zum Gl\u00fcck waren wir ein wenig sp\u00e4t dran, sodass die Verabschiedung ziemlich kurz ausfallen musste. Durch die Kopfh\u00f6rer in meinem Ohr erklingen die selben Lieder, wie wir sie h\u00f6rten, als wir t\u00e4glich gemeinsam im Caf\u00e9 sa\u00dfen. Unsere Freundin Golnoosh arbeitet dort und wir h\u00f6rten immer wieder auf Neue diese Lieder. Nun begreife ich, dass wir den Iran und vor allem neu gewonnene Freunde verlassen. Dass wir morgen nicht gemeinsam dort sitzen k\u00f6nnen, wo wir viel Zeit gemeinsam verbrachten. Damit verbunden \u00fcberkommt es mich und ich beginne zu realisieren, dass unsere Reise weitergeht\u2026<\/p>\n<p>Mir kullern einige viele Tr\u00e4nen \u00fcber mein Gesicht. Ich kann leider nicht ganz definieren, ob ich mich freue, dass die Reise weitergeht, oder, ob ich gl\u00fccklich bin, neue, wundervolle, herzliche Freunde kennengelernt haben oder traurig dar\u00fcber, dass wir diese Leute wohlm\u00f6glich f\u00fcr eine sehr lange Zeit nicht mehr sehen werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich hier sitze, drehe ich mich um. Eine junge Mutter streichelt ihrem schlafenden Sohn die H\u00e4ndchen. Sie ist offensichtlich keine Deutsche, woher sie kommt wei\u00df ich nicht. Ob sie Englisch sprechen kann wei\u00df ich genauso wenig.<\/p>\n<p>Ich l\u00e4chle sie an &#8211; sie l\u00e4chelt zur\u00fcck. Das macht mich gl\u00fccklich. Ich begreife wieder einmal, dass man nicht aus dem selben Land kommen muss, geschweige denn die gleiche Sprache sprechen muss, um miteinander kommunizieren zu k\u00f6nnen. Dass keine fu**ing Grenzen Menschen davon abhalten k\u00f6nnen miteinander zu kommunizieren. Grenzen, die sich irgendwann mal irgendwer ausgedacht und irgendeinen fu**ing Namen gegeben hat. Doch sind wir alles Menschen, die immer Wege finden werden sich verst\u00e4ndigen zu k\u00f6nnen. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die das Leben so wertvoll machen\u2026\u2026\u2026.<\/p>\n<p>Als Iraner in diesem Land zu leben ist alles andere als einfach. Die Regierung macht was sie will. Man kann sagen, dass alles was ann\u00e4hernd \u201ecool\u201c sein kann, verboten ist. Facebook und Youtube wird geblockt und \u00fcberwacht, \u00f6ffentliche Partys zu feiern und Alkohol zu trinken ist verboten, auch eine Beziehung zu haben ist verboten. Selbst die kleinen Dinge, beispielsweise als Frau gl\u00fccklich singend durch die Stra\u00dfe zu schlendern, sind verboten und kann hart bestraft werden. Das ist auch der Grund, warum wir kaum gefilmt haben, geschweige denn im Iran \u00fcber das Land geschrieben haben. Komisch nur, dass Musik und Filme komplett kostenlos heruntergeladen werden d\u00fcrfen (?!?!?). Als Frau steht man hinten an, hat immer flei\u00dfig sein Kopftuch zu tragen. Die Rangordnung bekomme ich bereits bei unserer Ankunft in Teheran zu sp\u00fcren, als die Taxifahrer ausschlie\u00dflich mich, und nicht Anni, beachten.<\/p>\n<p>Der Iran ist sehr religi\u00f6s, der Islam steht an oberster Stelle. Auf das ganze Land betrachtet merkt man das vor allem auch daran, dass in jedem noch so winzigen St\u00e4dtchen eine Moschee steht, welche an Sch\u00f6nheit alle H\u00e4user bei Weitem \u00fcbertrifft. Die H\u00e4user lassen \u00e4u\u00dferlich meist auf einfache Verh\u00e4ltnisse schlie\u00dfen und mittendrin stehen diese Moscheen. Ein herrlicher Anblick, der aber auch auf die Gegens\u00e4tze der Gesellschaft schlie\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Neben all diesen Verboten und dem extremen Glauben gibt es aber auch eine andere Seite der Medaille: die Jugend.<\/p>\n<p>Die Jugend im Iran ist aufstrebend und findet gegen alle Verbote Mittel, diese zu umgehen. Da es keinen Alkohol in \u00f6ffentlichen L\u00e4den zu kaufen gibt, wird Alkohol importiert oder selber gebrannt. Wir sa\u00dfen oft bei Einheimischen zu Hause und tranken Alkohol. Die richtig gute Ware blieb jedoch eher der reicheren Bev\u00f6lkerung vorbehalten.<\/p>\n<p>Partys werden auch anders gefeiert als wir sie in Deutschland kennen. Party feiern bedeutet, mit Freunden teilweise zu sechst im Auto bei lauter Musik die Stra\u00dfen hoch und runter zu rasen. Man hat Spa\u00df. Man l\u00e4chelt die Verbote und Einschr\u00e4nkungen soweit es geht weg. Man macht das Beste aus der Situation. Die Stimmung ist ausgelassen.<\/p>\n<p>Wir kamen in den Genuss zu einer Zeit im Iran zu sein, in der die Wahlen anstanden. Plakate von Politikern \u00fcbers\u00e4ten das Land, das Fernsehen zeigte aktuelle Debatten und alles drehte sich um die anstehenden Wahlen. Es ist erstaunlich, wie viel jeder Iraner \u00fcber Politik wei\u00df. Ohne zu \u00fcbertreiben wurden von ca. 4 von 5 Einheimischen, mit denen wir ins Gespr\u00e4ch kamen, dieses Thema ausf\u00fchrlich besprochen.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren, vielleicht ca. 6 Jahre, ging es im Iran folgenderma\u00dfen zu:<br \/>\nUnsere Freunde berichteten uns von Erfahrungen, die sie selber (mit-)erlebt haben. Protestanten wurden auf offener Stra\u00dfe erschossen, Studenten von Br\u00fccken gest\u00fcrzt, geschlagen oder verhaftet und eingesperrt. Viele von ihnen sind es noch heute. Ohne eine Aussicht darauf, wann sie frei gelassen werden, ob es \u00fcberhaupt ein Verfahren gibt, ganz zu schweigen davon, ob sie \u00fcberhaupt noch am Leben sind.<\/p>\n<p>Unser Freund A. erz\u00e4hlt:<br \/>\nW\u00e4hrend der Proteste wurden viele Menschen verhaftet und misshandelt, sie starben. Ein gebildeter Professor von Ali arbeitete in der Pathologie. Er wollte schon bald in die USA auswandern, dort lebten Bekannte, er erhoffte sich ein besseres Leben. Nachdem er w\u00e4hrend der Arbeit \u00e4u\u00dferte, dass die Verstorbenen ganz offensichtlich gefoltert wurden, verschwand er einige Tage sp\u00e4ter. Jeder wei\u00df es, niemand darf es sagen. Ein paar Wochen sp\u00e4ter wurde er beerdigt, angeblich Selbstmord&#8230;<\/p>\n<p>Am Anfang denke ich: \u201eOh Gott, was sind denn das f\u00fcr Horrorgeschichten?! K\u00f6nnen die wirklich stimmen?\u201c. Jedoch gibt es davon leider viele. Viel zu viele. Und wahr sind sie leider auch.<\/p>\n<p>Heute sieht die Lage anders aus. Man ist unzufrieden und man w\u00e4hlt vom Schlechten das Beste heraus. Das Beste ist in dem Fall der aktuelle Pr\u00e4sident. \u201eDer Jetzige? Ich dachte, alles ist verboten??\u201c Ja, das stimmt ja auch. Das liegt aber daran, dass wir hier von einem Islamischen Staat reden &#8211; einer rein muslimischen Bev\u00f6lkerung und Regierung. Wie schon erw\u00e4hnt, geht es trotz allem recht locker zu. Nat\u00fcrlich gibt es sehr religi\u00f6se Gegenden wie beispielsweise Esfahan. Aber ebenso gibt es u. a. in Teheran die jungen Paare, welche Hand in Hand durch die Stra\u00dfen ziehen und h\u00f6chstwahrscheinlich nicht verheiratet sind. M\u00e4dchen mit Kopft\u00fcchern so tief, dass sie gerade noch vom Zopf am Hinterkopf gehalten werden. Die Nutzung der gefilterten Internetseiten. Dass all diese Dinge nicht bestraft werden, ist dem heutigen Landesoberhaupt zu verdanken. (Er selbst twittert jeden Tag \u2013 und Ja, auch Twitter ist nat\u00fcrlich gefiltert). Dennoch lebt man auf irgendeine Art riskant. Man ist gewillt Englisch zu lernen, um sich mit der vor allem westlichen Welt und Lebensart austauschen zu k\u00f6nnen. Das Kuriose ist, dass einige auch besser Deutsch als Englisch k\u00f6nnen. Man liebe Deutschland, man k\u00f6nne sich dort frei entfalten, sagen was man denkt, man habe dort ein besseres Leben, kaum Verbote eben. Wie wahr, wenn man mal als Deutscher im Iran war. Man lernt das Leben intensiver zu sch\u00e4tzen. Und nur nebenbei: als Deutscher ist man meist willkommener als andere Touristen, da man als Arier die gleichen Vorfahren habe und auf irgendeine Art miteinander verwandt sei. Das sei mal so dahinestellt.<\/p>\n<p>Ein anderer Iraner, den wir in Esfahan kennenlernen durften, wurde in der \u00d6ffentlichkeit Hand in Hand mit einem M\u00e4dchen von der Polizei erwischt. Er wurde mit auf\u2018s Revier genommen und dessen Eltern wurden angerufen, um ihnen mitzuteilen, was der junge Mann da soeben getan hatte. Sind die Eltern streng gl\u00e4ubig, kann das schonmal stark zum Problem werden!<\/p>\n<p>Bei Touristen sei man nicht so streng und die Polizei w\u00fcrde lediglich freundlich auf Verbote hinweisen. Da wir uns aber weitestgehend angepasst haben, hatten wir nie Probleme.<\/p>\n<p>Offiziell politisch reden sollte man \u00fcber den Iran eigentlich nie. Mit diesen Zeilen riskieren wir jedenfalls ein lebenslanges Einreiseverbot. Wer vor Ort politisch redet, kann verhaftet werden, seinen Job verlieren, oder je nach seinem Wissensstand auch einfach mal verschwinden und nie wieder auftauchen.<\/p>\n<p>Wieder einmal denke ich lange dar\u00fcber nach, wie unglaublich gro\u00df unser Gl\u00fcck ist, in Deutschland geboren zu sein. Jedoch denke ich auch wieder einmal dar\u00fcber nach, wie es je dazu kommen konnte, dass sich Menschen anma\u00dften ein St\u00fcck Land ihr Eigen zu nennen, um auf irgendeine Weise Profit oder Macht zu erlangen. Weshalb werden Menschen unterschiedlich behandelt, nur weil sie an einem anderen Ort der Erde aufwachsen? Weshalb darf sich nicht JEDER seine Religion aussuchen? Den Platz an dem er lebt? Wen er liebt? Oder einfach zum Ausdruck bringen,was er denkt?<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist all das selbstverst\u00e4ndlich. F\u00fcr andere w\u00e4re ein gro\u00dfer Schritt schon die Einhaltung der normalsten Sache der Welt \u2013 die Einhaltung der Menschenrechte!!!<\/p>\n<p>Christian<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDer Iran ist gef\u00e4hrlich, passt gut auf euch auf und vertraut niemandem!\u201c \u201eDas sind doch alles Terroristen da unten!\u201c \u201eIran? Seid ihr des Wahnsinns??\u201c \u201eSucht euch doch bitte lieber ein anderes Land aus, aber nicht Iran!\u201c Ich k\u00f6nnte die Liste der Aussagen noch ewig weiterf\u00fchren. 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